Die Geschichte des Kühkopfs


Kühkopf und Knoblochsaue - die Herkunft der Namen
Die karolingischen Herrschergeschlechter haben die hessischen Ländereien großzügig in Bannforste aufgeteilt. "Forst" bedeutete damals nicht "Wald", sondern "Königsland". Forste umfassten auch Siedlungen und landwirtschaftlich genutzte Flächen.
Der Kühkopf bildete das nordwestliche Ende des kaiserlichen Bannforstes Forehahi (Föhrenwald?), war also "Königsland". Die Halbinsel wies zudem annähernd die Form eines Kopfes auf. Der Kühkopf war also "Königsland" in Kopfform: Königsland-Kopf oder noch kürzer Königs-Kopf. König wurde im mittelhochdeutschen "künec" gesprochen. Künec-Kopf schliff sich im Laufe der Zeit ab zu "Kühkopf".
Die Knoblochsaue trägt den Namen der Familie von Knobloch, der das Gebiet ende des 15.jahrunderts gehörte.

Es gibt noch einen zweiten Kühkopf! Etwa 100 Kilometer vom Kühkopf im Kreis Groß-Gerau entfernt, gibt es kurz vor Koblenz noch einen Kühkopf. Es ist ein 382 Meter hoher Berg und wie es der Zufall will, liegt nahe dabei das "Forsthaus Kühkopf". Dieses steht einige Kilometer von Koblenz (Ortsteil Lay) entfernt, abseits der Hunsrückhöhenstraße (B 327) alleine im Wald, praktisch in der Mitte zwischen Mosel und Rhein. Erbaut wurde es in den Jahren 1843 bis 1845.

Urgeschichtliches bis Neuzeit
Bereits in erdgeschichtlich früher Zeit vor mehr als 30 Millionen Jahren begann im Alttertiär ein schmaler Graben zwischen dem dem heutigen Basel und Mainz in die Tiefe abzusinken. Diese Grabensenkung ging auch im Verlauf der mittleren und jüngeren Tertiärzeit weiter, während sich die Randgebiete (Taunus, Odenwald, Pfälzer Bergland, Donnersberg) gleichzeitig anhoben. In diesen Graben strömte zunächst wohl Meerwasser ein. Von ihm stammen beispielsweise vermutlich die Kalilager in Südbaden und im Elsaß. Später wurde mit der Hebung der Randgebiete der Zustrom von Meerwasser abgeschnitten und dieser frühere Meeresarm wurde im Laufe der Jahrmillionen zu einem Süßwassersee, der sich allmählich mit den Ablagerungen der einfließenden Ströme, Flüsse und Bäche auffüllte. Bei den damals mindestens subtropischen Klima entwickelte sich ein ungemein reiches Tier- und Pflanzenleben in diesen warmen Gewässern. Aus den Sinkstoffen dieser Organismen sind die Erdöl- und Erdgaslager in der Tiefe der Oberrheinebene entstanden. in dem nachflogenden Erdzeitalter des Diluviums, gekennzeichnet durch mehrere Eiszeiten, war ais dem einstigen Meer und späteren Binnensee im nördlichen Teil des Oberrheingrabens eine versumpfte Landschaft von tundraähnlichem Charakter entstanden, durchflossen vom Rhein und von den heutigen Flüssen Neckar und Main, die damals in vielen Mündungsarmen, etwa in der Gegend des heutigen Trebur, gemeinsam in den Rhein strömten. Hier in einer fast undurchdringlichen Wildnis von Wald, Wasser, Sumpf, Moor und Schilfbeständen fanden zahlreiche Großtiere der Vorzeit (u.a. Höhlenbären, Mammut, Rhinozeros [2 Arten], Wildpferd, Riesenhirsch, Breitstirnelch, eine Art Maralhirsch, Rentier, Auerochs, Wisent, Bison) ideale Lebensbedingungen. Heute sind die meisten von ihnen ausgestorben. Eine sehenswerte und außerordentlich reiche Sammlung von Zeugen dieser diluvialen Tierwelt hat der ehemalige Bürgermeister Philipp Schäfer (1893-1974) in dem Erfelder Heimatmuseum zusammengetragen und ausgestellt. Dazu kommen noch viele Funde aus der Vor- und Frühgeschichte des Mensche und aus der Jungsteinzeit. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 12000 Jahren dürfte etwa vor 6000 Jahren der Mensch aus dem Gebiet der heutigen Neckarmündung in unserem Raum eingewandert sein. Man kann aus den Funden dieser Jungsteinzeit (etwas 3500 bis 2500 v. Chr.) schließen, dass es sich bereits um Bauern gehandelt hat, wenngleich sie sicher einen großen Teil ihres Lebensunterhaltes aus dem Wild- und Fischreichtum bezogen. In der nachfolgenden Bronzezeit und der anschließenden Eisenzeit drangen Angehörige anderer Völker und Kulturen ein, wie aus Bodenfunden belegt ist. Etwa 500 v. Chr. mögen es die Kelten gewesen sein, die um die Zeitenwende hier mit den von Westen her kommenden Römern zusammenstießen. Im Verlauf des 1. Jahrhunderts nach Christus waren die Germanen in unserem Raum. Von dem Vorort der römischen Herrschaft am Oberrhein, von Mainz, wurden Brückenköpfe auch auf dem rechtsrheinischen Gebiet angelegt und eine Anzahl größerer Gutshöfe errichtet. Im Zuge der Völkerwanderung waren zunächst die Alemannen Herren des Gebietes und diese wurden wiederum nach der Schlacht bei Zülpich im Jahre 496 nach Christus von den Franken verdrängt. Diese blieben nun an die Herren des Gebietes. Unter ihrer Herrschaft entwickelte sich im Laufe der folgenden Jahrhunderte die heutige Siedlungsform.

Wie der Kühkopf zur Insel wurde
Frühe Pläne, die Rheinschleife abzuschneiden und den Kühkopf zur Insel zu machen, entsprangen militärischen Erwägungen: Während der Koalitionskriege 1794 bis 1797 sollte ein zu schaffender Durchbruch den Rhein als Frontlinie begradigen und die vordingenden Franzosen stoppen; auf dem zur Insel werdenden Kühkopf war ein starker Stützpunkt vorgesehen. Der Kriegsverlauf machte diese Pläne dann entbehrlich. Auf dem Wiener Kongreß von 1814/15 wurde die Provinz Rheinhessen an das Großherzogtum Hessen angegliedert. Somit wurde ein Durchstich allein hessische Angelegenheit.
Der hessische Oberbaudirektor Dr. Claus Kröncke machte sich für den Durchstich stark. Seine Argumente und Pläne stellte er 1826 in einer Schrift mit dem Titel "über die Durchgrabung der Erdzunge am Geyer" vor. Flußbaumeister Tulla unterstützte die Pläne. nach etlichen öffentlichen Disskussionen beschloß der hessische Landtag 1827 den Durchstich.
Am 31. März 1828 konnte Baumeister Kröncke mit der praktischen Arbeit beginnen. Geschickt bezog Kröncke die Erosionskraft des Rheins in das Werk ein: Er ließ lediglich einen gut 16 Meter breiten und 3625 m langen Graben ausheben. Der Strom selbst vertiefte den Graben, verbreiterte den Durchstich auf 308 Meter und schuf den Durchbruch von insgesammt fünfeinhalb Kilometern. Geteilt wurde im Laufe des Durchbruchs auch die Rheininsel Geyer. Zum weitaus größeren Teil fiel diese Insel dem Kühkopf zu; der Rest blieb der linken Rheinseite.

Die Folgen des Durchstiches
Die Hochwassergefahr wurde gemindert, weil das Wasser schneller abfließen konnte. Der Grundwasserspiegel im Umfeld sank, so dass Feuchtwiesen und Sümpfe in fruchtbares Ackerland verwandelt werden konnten. der Shifffahrtsweg wurde circa 10 Kilometer kürzer und ungleich leichter zu befahren. Trotzdem herrschte nicht überall eitel Freunde und Sonnenschein: Die Gemeinden Gimbsheim und Guntersblum verloren etwas 150 Hektar Land an den Neurhein. Außerdem wurde die Bewirtschaftung von 1100 Morgen Land auf dem Kühkopf nun erschwert. Auch Erfelden und Stockstadt mußten Nachteile durch die Regulierung hinnehmen: was den Handel auf dem Rhein anbelangte, lagen sie plötzlich im Abseits. Ihre Anlegestellen, Lade- und Stapelplätze verloren an Bedeutung.

Historische Rheinlaufkarte aus dem Verlag der Homännischen Erben anno 1735 (Ausschnitt) Historische Rheinkarte anno 1794 (Ausschnitt) - Der Rhein/Kühkopf vor dem Durchstich


Mit freundlicher Genhemigung des Kühkopfverlags Riedstadt. Die Karten sind im Original dort erhältlich.

Das Naturschutzgebiet - Zahlen und Fakten Heute (stand 2000)
Mit 2370 Hektar Fläche ist das Naturschutzgebiet das weitaus größte in Hessen. Gleichzeitig trägt es das Prädikat "Europareservat", welches durch die Deutsche Sektion des Internationalen Rates für Vogelschutz e.V. verliehen wurde. Nach Beurteilung des Regierungspräsidiums in Darmstadt fällt das Naturschutzgebiet außerdem unter die Richtlinie der Europäischen Union "Fauna, Flora, Habitat" (FFH-Richtlinie). Das heißt: Das Gebiet nimmt mit seiner ökologischen Bedeutung europäischen Rang ein.
Der Kühkopf selbst ist etwas 1700 ha groß. Davon werden 100 bis 350 ha von Flachwasserbereichen bedeckt, 150 ha von Röhricht und 620 ha von Auwald. In der letzt genannten Zahl sind 150 ha Pappelkulturen enthalten, deren Entwicklung zum naturnahen Auwald von der Forstverwaltung gefördert wird.
Im Zentralbereich der Insel und auf der Knoblochsaue werden außerdem 400 ha extensiv als Grünland genutzt. 200 ha im Jahre 1983 aufgegebene Ackerflächen wurden weitgehend sich selbst überlassen. Dort erobert der Hartholzauwald sein Territorium zurück.
60 Kilometer wanderwege hat das Naturschutzgebiet aufzuweisen. Ein Rundgang um den Kühkopf führt größtenteils über die alten Sommerdämme und ist etwas 17 Kilometer lang.